Skigebiet-Schummel in den Alpen: Pistenlängen auf dem Prüfstand

Es war ein kleines Erdbeben, das im Januar 2013 die Wintersportorte der Alpen erschütterte. Der deutsche Reisejournalist Christoph Schrahe hatte aufgedeckt, dass zwischen den Angaben der Skigebiete zur Länge ihrer Abfahrten und den tatsächlichen Werten teilweise Welten lagen.

Die Seilbahnverbände verabschiedeten damals Kriterien für eine korrekte Längenmessung, woraufhin einige Skigebiete ihre Werbeversprechen massiv schmälerten. Doch noch immer gaukeln viele Regionen ihren Gästen etwas vor. Mit dem neuen Qualitätssiegel „Geprüfte Abfahrtslänge“ soll sich das ändern.

Dass es dafür auch zwei Jahre nach der Ausgabe von Empfehlungen durch die Seilbahnverbände noch einen Bedarf gibt, zeigt ein Blick in Schrahes Publikation „Die Liste der 100 größten Skigebiete der Welt“, der bis dato wohl einzigen verlässlichen Quelle für Angaben zur Pistenlänge. Laut Schrahe gibt es noch immer Skigebiete, die bei der Angabe der Pistenkilometer um 50 bis 100 Prozent übertreiben.

„Von den fast 200 Skigebieten, die ich in den Alpen untersucht habe, gibt nur ein Viertel korrekte oder um maximal 10 Prozent abweichende Werte an.“ Ebenso viele geben um mindestens 50 Prozent überzogene Längen an. Auffallend ist die Schummelei in der Schweiz und in Frankreich, hier runden sogar 40 Prozent der Skigebiete ihr Abfahrtsangebot um mindestens 50 Prozent auf.

Nur in Österreich hat eine nennenswerte Zahl an Skigebieten die Empfehlungen ihres Fachverbands umgesetzt. Allerdings muss man die auf Basis dieser Kriterien berechneten Längen auf den Webseiten einiger Skigebiete mühsam suchen. Auffallend groß steht dort oft noch die alte Kilometerangabe. Erst im Kleingedruckten wird erklärt, dass es sich dabei um die sogenannte „gefahrene Länge“ handelt. Die Kriterien der Verbände sehen einen solchen Zuschlag nicht vor.

So misst der Experte die Pistenkilometer

„Das GPS misst nur alle fünf Sekunden, da werden die Schwünge ohnehin geglättet“, sagt Schrahe, der Kartografie studiert hat und einige Jahre bei einem Produzenten digitaler Karten arbeitete. Er misst immer entlang der Mittellinie zwischen linkem und rechtem Pistenrand. Die erhobenen Daten werden am Rechner auf Basis von Luftbildern nachbearbeitet, „weil GPS-Daten in steilem, bewaldeten Gelände nicht immer exakt sind“. Auf sogenannten Orthofotos – das sind Bilder, die die Erdoberfläche ohne Verzerrung maßstabsgetreu abbilden – erkenne man den Verlauf von Skiwegen oder Pistenschneisen dann genauer, sagt Schrahe.

Zu den wenigen Skigebieten, denen der Journalist vor zwei Jahren korrekte Angaben zur Gesamtlänge ihrer Abfahrten bescheinigte, gehörte der Skicircus Saalbach-Hinterglemm-Leogang. Mit 200 Pistenkilometern zählte die Region schon damals zu den größten Skigebieten Österreichs.

Mit den Planungen für einen möglichen Zusammenschluss des Fieberbrunner Skigebiets mit dem Skicircus stellte sich für Toni Niederwieser, Chef der Fieberbrunner Seilbahnen, die Frage, ob der erweiterte Skicircus dadurch vielleicht zum größten Skigebiet Österreichs aufsteigen würde. Für eine Antwort kam für ihn nur Christoph Schrahe infrage, „schließlich hätte man wohl eher ihm als uns geglaubt, wenn er unsere neue Längenangabe in Zweifel gezogen hätte“.

Niederwieser und seine Saalbacher Kollegen schickten Schrahe im vergangenen März über die vorhandenen und geplanten neuen Pisten und Skirouten. Nach der Auswertung der aufgezeichneten GPS-Tracks stand fest, dass das neue Verbundgebiet 270 Kilometer Abfahrten aufweisen würde – und damit wenige Kilometer mehr als das bis dahin größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs.

Vertrauen der Kunden missbraucht

Neben Saalbach-Hinterglemm-Leogang setzt diesen Winter auch Kitzbühel mit seinen 209 Pistenkilometern das neue Siegel ein. „Wir hoffen, dass unserem Beispiel noch viele Bergbahnunternehmen folgen werden“, sagte Bergbahnvorstand Josef Burger anlässlich der Verleihung des Gütesiegels. Zu den Vorreitern gehört auch Ski amadé, der erste alpine Ticketverbund, der die Länge seiner Abfahrten mit einem Gütesiegel belegt. Dort hatte man nach Schrahes Veröffentlichung bereits 2013 noch einmal nachgemessen – und das Angebot von 860 auf 760 Pistenkilometer korrigiert. Diesen Wert bekam die Region nun bestätigt.

In der Schweiz setzt das Skigebiet Pizol mit seinen 40 Pistenkilometern als erste Region das neue Prüfsiegel ein. „Gerade bei dieser Größe gibt es viele Gebiete, die ihre Zahlen erheblich aufblähen und das Vertrauen der Kunden aufs Spiel setzen“, sagt Schrahe. Die Motivation ist klar: Je größer das Skigebiet, desto teurer ist oft das Liftticket.

So kommt es, dass manch ein Gebiet seine 40 Pistenkilometer ehrlich bewirbt und ein benachbartes aus derselben Größe 120 Kilometer macht – und 40 Prozent mehr Geld für den Skipass verlangt. „Das kann man schon unfair nennen“, lautet Schrahes Fazit zur Schummeltaktik. Seine Initiative für geprüfte Pistenlängen könnte mehr Transparenz in die Alpen bringen.

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