Sprachsteuerung im Auto: Sag doch einfach, was Du willst

„Navigation! Zieleingabe! Hamburg! Ericusspitze! 1! Zielführung starten!“ – Wer sein Auto mit der Sprache steuern will, fühlt sich durch Antworten wie „Meinten Sie Erosspitze?“ bisweilen missverstanden.

Der Dialog zwischen Mensch und Maschine verläuft nach wie vor oft holprig. Kaum ein anderes Feature im Fahrzeug wird deshalb so stiefmütterlich behandelt wie Sprachsteuerung.

„Zu Unrecht,“ sagt Arnd Weil. Er leitet das Autogeschäft bei dem IT-Konzern Nuance, einer der führenden Anbieter für Sprach- und Bildverarbeitungslösungen. Nuance spricht von rund 110 Millionen Autos, in denen die aktuelle Spracherkennungssoftware Dragon Drive und deren Vorgänger läuft. Erst auf der IAA in Frankfurt hat das US-Unternehmen einen neuen Vertrag mit Daimler verkündet.

Manager Weil will der Sprachsteuerung endlich zum Durchbruch verhelfen. Er ist auf einem guten Weg. Studien zufolge nutzen mittlerweile 50 Prozent aller Kunden die Sprachsteuerung in ihrem Auto zumindest einmal pro Woche. Sie sei „eine sichere Ergänzung im Bediensystem“, sagt Weil.

Das Auto versteht nun auch ganze Sätze

Er bittet zur Sitzprobe in einem seiner Prototypen. Bei den herkömmlichen Sprachsteuerungssystemen erfolgt der Start zum Dialog auf Knopfdruck. Die so genannte Push-to-Talk-Taste will Weil lieber heute als Morgen abschaffen. Deshalb reagiert der Prototyp des Herstellers statt auf Knopfdruck bereits auf Zuruf: Weil die Elektronik die gesamte Zeit scharf ist, muss man nur „Hallo Dragon“ sagen, dann ist das Auto ganz Ohr und wartet auf neue Anweisungen.

Der Zuruf klappt beim Test im Demo-Fahrzeug so gut, dass die Elektronik sogar nur auf den Fahrer reagiert und sich nicht von Gesprächen auf der Rückbank ablenken lässt: Man sagt „Hallo, ich will nach Hamburg“, schon startet die Routenführung.

Den großen Unterschied zwischen den frühen und den aktuellen Systemen sieht Weil in einem Verfahren, das die Fachleuchte „natürlichsprachliche Eingabe“ nennen: Damit muss sich niemand mehr durch Kommandozeilen und Befehlsketten hangeln, sondern spricht einen normalen Satz und die Elektronik pickt sich dabei die entsprechenden Schlüsselworte heraus. „Nicht der Mensch, sondern die Technik muss Vokabeln lernen, wenn das System erfolgreich sein soll“, sagt Weil.

„Als die Sprachsteuerung vor 20 Jahren kam, konnte sie vielleicht 20 Vokabeln“, erinnert sich Weil. Zehn Jahre später waren es 50 bis 70.000 und heute seien es mehrere Millionen. „Wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Deutsche mit einem aktiven Wortschatz von 4000 Vokabeln durch den Tag kommt, kann man da wohl schon von flüssiger Sprache reden“, sagt Weil nicht ohne Stolz.

Dragon hat auch die Termine des Fahrers im Blick

Doch nicht nur die Anzahl der gelernten Vokabeln macht aus seiner Sicht eine intelligente Sprachsteuerung aus. Bei einem guten System weiß das Auto noch eher als der Fahrer, wohin dieser eigentlich will. „Wer nach einem Fußballstadion sucht, will selten direkt vor den Haupteingang, sondern in der Regel auf den nächstgelegenen Parkplatz“, erklärt der Entwickler. Wer Dragon bei der Sitzprobe deshalb nach dem Weg zum Millerntor in Hamburg fragt, bekommt als erste Ziele die Garagen in der näheren Umgebung vorgeschlagen.

Den nächsten großen Schritt sieht er in der Personalisierung, der Lernfähigkeit und der Vernetzung mit anderen Informationsquellen. Als Identifikation dient dabei die Stimme selbst. Laut Weil ist sie mit über 25 Merkmalen von der Aussprache über die Sprechgeschwindigkeit so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Einmal angelernt, erkennt Dragon damit zweifelsfrei jeden Fahrer nach ein paar Worten und kann ihm in den einzelnen Menüs sehr viel individuellere Vorschläge machen. Dann weiß das System zum Beispiel, dass der Fahrer eine gewisse Renate Rotpfad anrufen möchte, wenn er nach „meine Frau“ verlangt. Und Dragon wird bei den Restaurants aus den Sonderzielen eher Italiener als Asiaten vorschlagen, weil er bei den letzten Anfragen immer die Pizzeria ausgewählt hat.

Und weil Dragon nicht nur die Präferenzen des Fahrers aus dem Infotainment-Programm kennt, sondern auch dessen Termine aus dem Smartphone, gibt es zum Beginn der Fahrt automatisch ein „Daily Update“: Die Navigation ist aktiviert und trägt als erstes die entsprechenden Verkehrsinformationen vor, bevor Dragon von sich aus die wichtigsten Nachrichten des Tages aus dem Interessensbereich des Fahrers verkündet und die relevanten Aktienkurse verliest.

Die Informationen dafür werden von Nuance und den zahlreichen Kooperationspartnern genau wie die Listen von Millionen Sonderzielen auf Servern gesammelt und in der Cloud aufbereitet. Galten diese Offboard-Systeme früher als favorisierte Lösung, setzt Weil heute wieder auf intelligente Technik, die im Auto selbst steckt. „Wir wollen schließlich, dass man den Dialog schon in der Tiefgarage starten kann, auch wenn das vernetzte Auto mal nicht online sein sollte.“

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *